Von Michael Brettin

Im Gedärm der Stadt

Was das Regenüberlaufbauwerk Hohenstaufenstraße leistet. Und was es uns lehrt.

Im Gedärm der Stadt von Michael Brettin

Altes, noch flüssiges Frittierfett? Ab in den Ausguss! Vollgemachte Windeln? Rein ins Klo! Unerwünschte Welpen? In den Gully!

Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber nicht aus der Welt.

Die Welt der Kanalisation muss vieles von dem schlucken und verdauen, was unsere Wegwerfgesellschaft ausscheidet, auch Hausmüll und sogar Haustiere.

Ein Freitagmorgen, es ist kalt, um 1 Grad Celsius. Zwei Transporter der Berliner Wasserbetriebe stehen an der Hohenstaufenstraße/Ecke Martin-Luther-Straße. Die Kanaler, wie sich die Mitarbeiter des Unternehmens nennen, haben den Abstieg vorbereitet: Der Gehweg ist teilweise abgesperrt, der Eingang zur Unterwelt ist geöffnet – eine Treppe, aus roten Ziegelsteinen gemauert, führt hinab.

Vor dem Abstieg gibt es noch den einen und den anderen Rat. Vorsichtig gehen, Stufen und Boden sind feucht-schmierig. Und ohne Handschuhe nichts anfassen, wegen der Keime, nicht dass man sich irgendwas einfängt.

Es geht die Treppe hinab in einen Gang hinein, so schmal, dass sich Platzangst breitmacht. Scharfer Gestank beißt sich durch die Nase in den Rachen; stickige Luft lässt Brillengläser augenblicklich beschlagen.

Am Ende des Gangs öffnet sich ein kleiner Raum. An der Wand links prangt eine Steintafel. Nur die ersten eingemeißelten Wörter sind noch mühelos zu entziffern: „Erbaut unter dem Stadtbaumeister Berger im Jahre 1903 …“

Das gesamte Bauwerk entstand in den Jahren 1901 bis 1905. Es ist ein Gewölbe mit gebogenen Decken und abgerundeten Ecken und mehreren Kanälen, alles aus Ziegelstein, jeder Stein gesetzt von Hand. Backsteingotik.

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Klaus Braatz (61) ist verantwortlich für die Abwasserableitung Region Süd. Foto: Markus Wächter

„Dieses Bauwerk ist ein Kunstwerk“, sagt Klaus Braatz (61), Leiter der Abwasserableitung Region Süd. Er blickt sich um. „Solche Kunstwerke werden heute nicht mehr gebaut.“ Seit vierzig Jahren arbeitet er bei den Wasserbetrieben. Nur wenige kennen sich in der Kanalisation Berlins so gut aus wie er.

Die Abwasserkanäle der Stadt sind 9.725 Kilometer lang, was einer Luftlinienstrecke bis Kapstadt entspricht. Davon sind 3.132 Kilometer über hundert Jahre alt und 6.016 Kilometer aus Steinzeug gebaut.

Es plätschert aus dem Halbdunkel. Die wenigen Deckenlampen erhellen das Gewölbe nur abschnittweise und die mobilen Lampen der Kanaler nur kegelhaft. Braunes Wasser strömt langsam, aber stetig von links nach rechts. „Haushaltsähnliches Abwasser“ nennen die Kanaler die Brühe: Spül-, Dusch- und Badewasser, Waschmaschinen- und Toilettenwasser, auch Kühl- und Grundwasser.

Aus drei Kanälen strömt dieses Wasser. Es kommt aus Haushalten in Schöneberg und Friedenau. Unterschiedlich groß sind die Kanäle. Zwei sind mit 3,20 mal 3,20 Meter und 2 mal 2,30 Meter begehbar; sie haben beidseitig Auftritte (Bankette), die Ratten zum Kreuchen und Fleuchen nutzen, jetzt allerdings nicht. Aus dem kleinsten Kanal, der 1,50 mal 1,50 Meter misst, kräuseln sich Schaumkrönchen. Und alles mündet in einen ein paar Meter rechts liegenden kleinen Kanal.

„In diesen Kanälen fließt jetzt, morgens, relativ viel Wasser, es wird noch geduscht“, sagt Klaus Braatz. Einen halben Meter hoch schätzt er es. „Wenn wir zwei Stunden später gucken, dürfte der Pegel tiefer liegen. Abends wird er wieder so hoch sein.“

Während er sich nach rechts wendet, sagt Braatz: „Die Besonderheit an diesem Bauwerk hier ist, dass ein Regenüberlaufkanal eingebaut ist.“ Dieser Kanal liegt tiefer, hinter einer Überlaufschwelle, einer hüfthohen Mauer mit einer schichtweise entfernbaren Barriere; und er ist größer, ein Oval, 4,20 Meter breit und 2,40 Meter hoch.

Alle paar Meter leuchten ovale Lichtringe, geformt von den Lampen an der tonnengewölbten Decke des Kanals, dazwischen gähnt tiefes Schwarz. Wasser steht in der Senke. Darin dümpelt allerlei Unrat: eine leere Taschentuchverpackung und ein schlaffer Obstbeutel, ein rotes Plastikfeuerzeug und eine zerknautschte Trinktüre, ein grüner Tennisball und überall Styropor – Kügelchen, Bröckchen und Bruchstücke, teilweise tellergroß.

Die Geschichte der Kanalisation in Berlin begann zu einer Zeit, als der Volksmund zu sagen pflegte: Die Berliner Rinnen stinken, die Berlinerinnen nicht.

Die Rinnsteine stanken, weil sich in ihnen Schmutz- und Regenwasser sowie Abfälle aus Häusern und von Höfen sammelten. Das Wasser, das wegen des geringen Gefälles der Rinnen nicht schnell abfließen konnte, und der Müll bildeten Fäulnisherde. Ein Teil des Drecks sickerte ins Grundwasser; der Rest floss in die Spree.

Mit dem Bau des ersten Wasserwerks in Berlin 1856 vor dem Stralauer Tor stieg der Wassergebrauch, und mit ihm erhöhte sich die Schmutz- und Abwassermenge. Die unzureichende und ungeklärte Ableitung des Wassers förderte Krankheiten wie Cholera, Typhus und Ruhr.

James Hobrecht schuf Abhilfe. Mit Unterstützung des Arztes und Politikers Rudolf Virchow verwirklichte der aus Stettin berufene Baurat den „Hobrecht-Plan“. Zwölf voneinander unabhängige Entwässerungsgebiete entstanden, auch Radialsysteme genannt: Hobrecht ließ an einem möglichst tiefen Punkt je ein Pumpwerk bauen, zu dem das häusliche und gewerbliche Schmutz- und Abwasser sowie das Regenwasser im freien Gefälle durch Rohre aus Steingut oder gemauerte Kanäle floss; und er ließ jedem Radialsystem Rieselfelder außerhalb der Stadt zuordnen, Druckleitungen pumpten das Wasser dorthin.

Das erste Radialsystem ging 1878 in Betrieb, mit dem Pumpwerk an der Schöneberger Straße und dem Rieselfeld in Osdorf bei Lichterfelde; das letzte 1909.

Vier Jahre zuvor war das Regenüberlaufbauwerk Hohenstaufenstraße fertiggestellt worden. Das fünf Meter tief liegende Bauwerk ist Teil des Mischwasserkanalsystems. Dieses System leitet Schmutz- und Regenwasser durch einen Kanal ab. Es ist in der Innenstadt verbreitet, wo es unter den Straßen neben den U-Bahn-Linien und anderen Leitungen nur wenig Platz gibt. Ein Viertel der kanalisierten Gebiete der Stadt wird im Mischverfahren entwässert.

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Das Trennsystem leitet das Wasser in zwei voneinander getrennten Kanälen ab. Der Vorteil: Die Schmutzwasserkanäle können wegen des relativ konstanten Schmutzwasseranfalls passgenau dimensioniert werden, das Regenwasser kann direkt ins nächste Gewässer geleitet werden.

Stephan Natz (54), Sprecher der Wasserbetriebe, steht vor dem Regenüberlaufkanal, der direkt unter der Martin-Luther-Straße verläuft. Wie ein „umgekipptes Ei“ sieht der Kanal für ihn aus. „Dieser Überlaufkanal ist im Normalfall nicht in Betrieb“, beginnt er zu erklären. „Der springt erst dann an, wenn aus diesen drei Kanälen …“ – er blickt nach links – „… so viel Wasser zusammenkommt, dass diese Höhe hier …“ – er blickt wieder nach rechts zur etwa hüfthohen Überlaufschwelle – „… erreicht wird.“

Bei Starkregen ist das der Fall. Dann schwappt das Mischwasser, sechs- bis achtfach verdünnt, über die Schwelle, manchmal flutet es den Kanal bis unter die Decke.

„Das Wasser flutet also den Kanal“, nimmt Natz seinen Gedankengang wieder auf, „und staut sich in einem Regenbecken unter dem Lützowplatz. Und erst wenn dessen Kapazität auch noch erschöpft ist, ergießt es sich in den Landwehrkanal.“

Das wollen die Wasserbetriebe eigentlich vermeiden. Daher schöpfen sie alle Möglichkeiten aus, um das Wasser in der Kanalisation zu halten, zum Beispiel durch den Bau von Stauraumkanälen wie jüngst unter dem Mauerpark in Prenzlauer Berg. „Manchmal reicht es auch schon“, sagt Natz, „Überlaufschwellen zu erhöhen.“

Auf einer Länge von drei Kilometern streckt sich der Regenüberlaufkanal Hohenstaufen-/Martin-Luther-Straße: Er führt zur Winterfeldt- und  Maaßenstraße, unterquert am Nollendorfplatz die U-Bahn, läuft weiter zum Lützowplatz, wo er in dem Regenbecken mündet.

Das Mischwasser strömt im Gefälle zum Pumpwerk Wilmersdorf und wird von dort in eines der Klärwerke gepumpt: nach Ruhleben oder nach Stahnsdorf. Die Wasserbetriebe verfügen über 163 Abwasserpumpwerke. Das Pumpwerk in Wilmersdorf ist das größte; es hat eine Gesamtkapazität von täglich 125.280 Kubikmetern, die allerdings nur gebraucht wird, wenn es regnet (1.450 Liter/Sekunde).

Zum Mischwasser kommt der Müll: alles, was durch Ausgüsse von Spülbecken, Dusch- und Badewannen, durch Toiletten und Gullys passt. „Ein Riesenproblem in den Kanälen haben wir mit jeder Art von Fetten, insbesondere mit Frittenfett“, sagt der Sprecher der Wasserbetriebe Natz. „Und mit Sand“, ergänzt Regionalleiter Braatz, „Streumaterial im Winter.“

Berliner Wasserbetriebe: Kanäle eignen sich auch als Heizquelle

Wussten Sie, dass das Berliner Kanalnetz im Schnitt 68 Jahre alt ist? Oder dass jeder Berliner täglich mehr als 100 Liter in die Kanalisation spült? Oder dass die Berliner Wasserbetriebe jährlich 245 Millionen Kubikmeter Abwasser ableiten und klären?

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts zurück reicht die Geschichte der Ver- und Entsorgung Berlins mit und von Wasser. Die Berliner Wasserwerke und die Charlottenburger Wasser- und Industriewerke fusionierten 1945 zu den Berliner Wasserwerken. Bereits vor dem Mauerfall waren in Ost- und Westberlin Wasserver- und Abwasserentsorgung unter einem Dach vereint.

Die Berliner Wasserbetriebe managen den Wasserkreislauf vom Trink- über das Schmutz- bis zum Regenwasser. Dazu gehört auch, dass sie den Tegeler See oder die Grunewaldseenkette säubern und – im Grunewald – füllen.

Und wussten Sie, dass die Wasserbetriebe Kanäle zum Heizen nutzen? Das erfolgt über Kanäle mit Wärmetauschern an der Sohle und über Abwasserdruckleitungen mit Ringwärmetauschern. Zu den prominentesten Projekten zählen IKEA Lichtenberg und Hellweg nebst Wohnhäusern an den Yorckbrücken. www.bwb.de

Ein weiteres Problem sind feste Zellstoffe: Toilettenfeucht- und Putztücher, Tampons, Damenbinden und Windeln verzopfen sich zu faserigen Ungeheuern, größer als ein Mensch, und verstopfen regelmäßig die Pumpen in den Klärwerken.

Michael Radke (43) ist seit 25 Jahren Kanaler. Etwas mehr als knöcheltief steht er im Mischwasser des Überlaufkanals, um seine Gummistiefel treibt Unrat. „Man findet hier alles, was ins Klo oder in einen Regenablauf passt“, sagt er. „Die Leute sind unbelehrbar, die machen sich keine Gedanken, außer: Weg ist weg!“

Keine Gedanken machte sich auch die Person, die ein kleines Schlauchboot in die Kanalisation stopfte. Ungeklärt ist, wie sie es tat, ebenso, ob sie auch etwas mit dem Passagier zu tun hatte, vor dem Radke im vorigen Jahr stand: einer Kornnatter, einer ungiftigen Schlangenart, eigentlich beheimatet in Nordamerika, bis zu 1,50 Meter lang.

Auch Klaus Braatz, der Leiter der Abwasserableitung Region Süd, kann von tierischen Überraschungen in der Kanalisation berichten: von einem Chamäleon, das Kanaler zum Maskottchen der Betriebsstelle Ruhleben machten, und von zwei Schäferhund-Welpen, die sie im Tierheim abgaben.

Lebensgefährliche Überraschungen kann es hier unten auch geben. „Das wichtigste ist“, sagt Braatz, „dass die Atmosphäre genug Sauerstoff hat.“ Kanaler führen immer ein Gaswarngerät mit sich, das den Sauerstoffgehalt misst: Das Gerät warnt vor Sauerstoffmangel oder -überschuss, vor sauerstoffverdrängenden und giftigen Gas-Konzentrationen.

Und es warnt auch vor explosionsfähiger Atmosphäre. Braatz: „Kippt zwei Kilometer weiter ein Tanklastzug um, fließen dadurch Öle oder Benzin in die Kanalisation, meldet dieses Gerät auch die Dämpfe, sodass die Leute rechtzeitig aus dem Kanal kommen.“

Auch das Lüften sei wichtig. Bei Kanalarbeiten stünden Einstiegsschächte offen. Jeder Kanal hat etwa alle 30 bis 60 Meter einen Schacht mit dem kreisrunden Deckel. Stadtweit gibt es etwas mehr als 243.000.

Ein Unkundiger kann sich in dieser Unterwelt verlaufen. Oder tödlich verunglücken: Es gibt in vielen Kanälen Düker, Anlagen, die U-Bahnen oder andere Hindernisse unterqueren. „Wer da reinfällt, kommt nicht mehr raus“, mahnt Klaus Braatz. „Dann ist Feierabend.“

Auch das Regenüberlaufbauwerk Hohenstaufenstraße hat einen Düker: Der Überlaufkanal unterquert die U-Bahn unter dem Nollendorfplatz.

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Der Ein- und Ausgang des Regenüberlaufbauwerks unter der Hohenstaufenstraße ist auch aus rotem Ziegelstein gemauert. Foto: Michael Brettin

Ein Unglück hat Braatz am eigenen Leib erlebt. Mitte der 80er-Jahre war das. Er reinigte mit einem Kollegen einen Kanal in Charlottenburg, als plötzlich in einem Nachbarbezirk ein Starkregen niederging. Damals machte niemand darüber Meldung, heute ist das anders. Wasser schoss in den Kanal, riss die Männer von ihren Füßen und spülte sie weg. Oben stürzten Kollegen zum nächstgelegenen Schacht, öffneten ihn, ließen Seile runter und retteten die Verunglückten. „Wir wären beinahe ertrunken.“

Das stehende Wasser im Überlaufkanal weicht plätschernd den Gummistiefeln von Michael Radke. Überall, wo er hinleuchtet, schwimmt Müll. Der Kegel seiner Lampe erfasst eine Plastikflasche der Smoothie-Marke „innocent“ (unschuldig) und ein Plastikröhrchen, das vermutlich Liquid Ecstasy enthielt. Kanaler müssen auch damit rechnen: mit Spritzen von Drogenabhängigen.

Beim Ausstieg aus dem Kanal fällt der Blick auf ein rotes Spielzeugauto, einen kleinen Formel-1-Renner aus Plastik. Daneben schwimmt etwas, das ein Kugelschreiber oder ein Fieberthermometer sein könnte – und das ein Röhrchen für einen Schwangerschaftstest ist.

Auch dieser Müll ist aus den Augen, aber ist er auch aus dem Sinn? Auf jeden Fall nicht aus der Welt. Und dass die nicht vollends vermüllt, dafür ist eine Jede und ein Jeder mitverantwortlich.

A. Dressels Aquarell von 1907 zeigt das Abwassersystem und Pumpwerk in Schöneberg. Foto: akg-images

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Autoren
Michael Brettin

Fotograf
Markus Wächter


Video
Frauke Hinrichsen

Konzeption
Olga Bobileva